JURLJIN

Trying to find the place where inside and outside become one. Where all opposites and contradictions dissolve. And between the contradictions is… silence.

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Vielleicht war sie auf der ständigen Suche nach einer Realität, die ihr wirklich real schien… und wusste doch, dass diese Suche vergebens war. Denn nichts, was ihr in dieser seltsamen Welt der Menschen begegnete, schien ihr wirklich, nichts schien ihr wahr. Jeder scheinbaren Tatsache ließ sich eine andere, ebenso wahr erscheinende Tatsache entgegen setzen. Alles, was man zu denken und zu sein glaubte, war letztlich ersetzbar durch irgendein anderes Sein und Denken, das ebenso gut funktionierte. Und dann suchte man sich aus, was man glauben wollte. Was man sein und denken wollte. Oder verzweifelte daran, die Entscheidung nicht treffen zu können. Oder lachte über den Unsinn der Welt…

[Manchmal versuchte sie zu denken… und manchmal war sie so müde davon]
Manchmal versuchte sie, zu verstehen. Und manchmal bemerkte sie, dass genau das, was man nicht verstand, das Einzige war, was Sinn ergab…
Und diesem Sinn wollte sie eine Form geben. Diesen Sinn wollte sie festhalten. Diesen Sinn wollte sie genauer betrachten. Tiefer erfahren. Länger spüren. Und wusste nicht, wie das geht. Dann versuchte sie manchmal zu denken. Und manchmal war sie so müde davon…

Diesen Punkt zu finden, an dem sie vollkommen nackt war. War es das, worum es ging? Den Punkt, an dem sie sich vollständig sehen konnte… sich erkennen konnte, weil es ihr gelungen war, alles abzulegen, was den Blick versperrte. Loslassen. Alles.
War es möglich, das auszuhalten? Wie weit konnte man gehen? Wie weit konnte sie gehen? Auf welchem Weg? Und wozu? Wozu? Glaubte sie wirklich, dabei etwas zu finden, zu gewinnen? Etwas, das einen Wert haben könnte? Für wen? Und was immer sie zu finden versuchte: ließ es sich teilen oder war man allein? Ging es darum, etwas zu erschaffen? Ging es darum, sich zu finden? Oder ging es nur darum, sich selbst zu zerstören? Schloss das Eine das Andere aus? War das gut? War das schlecht? Und war das alles nicht einfach nur sinnlos anstrengend? War sie müde?
Vielleicht hatte sie keine Lust mehr zu suchen… sie hatte Lust anzukommen.
Sie hatte Lust anzukommen. Boden zu spüren. Und Wärme. Und Leichtigkeit.
Loszulassen. Frei zu sein.
Vollkommen nackt. Ohne Angst.
Loszulassen.

Wie traf man die Entscheidung, ob man Blumen pflücken wollte oder Fensterscheiben einschlagen? Still durch den Wald laufen oder schreiend durch die Stadt? Ob man sich freuen sollte über etwas Schönes, das entsteht oder etwas Hässliches, das zerfällt? Wollte man erschaffen oder zerstören? Meditieren oder sich betrinken? Lieben oder Ficken? Sie wusste es nicht.
Und zwischen den Gegensätzen lag Stille. Zwischen all den Widersprüchen war es leise. War Zeit… war Platz… zum Atmen…

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Sie versuchte, die Teile, aus denen sie zu bestehen glaubte, zu einem Ganzen zusammenzusetzen… und scheiterte. Sie versuchte, die Teile, aus denen sie zu bestehen glaubte, in klar geordnete Schubläden zu sortieren… und verlor sich in Chaos. Verlor sich in Chaos und bemerkte, dass jenes Chaos wohl ein Teil von ihr war. Ein weiterer Teil. Ein zentraler Teil. Oder ihr ganzes Ich. Es gab keine Ordnung, es gab kein Ganzes… 

Sie war zum Teich gegangen, wo die Schwäne wohnten, betrat zögernd das Eis… schaute sich um… und sie fror. Doch ihr Mantel war schwer und sie warf ihn beiseite. Spürte das Beißen der Kälte, und ebenso Freiheit… und zwischen all den Tränen in ihrem Gesicht begann sich ein Lächeln zu formen.
Und so stand sie für Stunden, vielleicht gar für Tage zwischen Eis und Schnee, so leicht und so froh. Doch einsam – und sie wünschte sich etwas Gesellschaft… schickte die Schwäne fort, ihren Liebsten zu holen. Der eilte zu ihr, reichte ihr einen Mantel… und ein Teil von ihr sehnte die Wärme herbei… der andere Teil wollte in der Kälte verweilen, ließ den Mantel als Gefängnis erscheinen… und sie schließlich verzweifeln an ihrem Wollen.

Sie suchte dieses Gefühl, barfuß durch den Schnee zu laufen. Weit und weiß. Und still. Durch den Schnee zu laufen. Schnee zu sein. Vom Wind immer weiter und weiter getrieben. Weit und still… und frei. Und die Schwäne auf dem gefrorenen Teich waren so weiß wie ihr Kleid. Und weiter, weiter… lief sie… weiter… bis zum Wald. Traf den Hirsch und stach ihn nieder. Und legte sich zu ihm, so weit… und so weiß… und so rot… und so schön… und so still… und so frei…

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